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Der Mythos der Armut und das neue Gewand des Kolonialismus

Die Länder des globalen Südens sind nicht arm. Niemand geht in ein armes Land, um Milliarden von Dollar zu erwirtschaften. Die Philippinen, Mexiko oder Chile sind reich an Ressourcen – arm sind lediglich die Menschen, die dort leben. Seit über 400 Jahren entnehmen die kapitalistischen Zentren Europas und Nordamerikas diesen Regionen Holz, Hanf, Kakao, Eisen, seltene Erden und billige Arbeitskräfte. Diese Länder sind nicht unterentwickelt; sie werden überausgebeutet.

Wenn wir heute das Wort Kolonialismus hören, denken wir meist an eine längst vergangene, überwundene Epoche des Unrechts. Doch das ist ein Trugschluss. Der Kolonialismus ist nicht verschwunden; er hat sich lediglich modernisiert. An die Stelle von Peitschen, Kanonen und offener militärischer Unterwerfung ist ein weitaus subtileres, saubereres und professionelleres Instrument getreten: die Verschuldung.

Wir befinden uns längst im Zeitalter des Neokolonialismus. Entwicklungsländer werden systematisch in einen Teufelskreis aus Schulden und Ausbeutung gedrängt. Die Architekten und Verwalter dieses modernen Systems sind globale Finanzinstitutionen, allen voran der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank.