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Der Weg in den Degrowth-Kommunismus

Die Kehrtwende: Marx' Bruch mit dem Wachstum

Der radikalste Wandel im Denken des alternden Marx vollzog sich in seiner Haltung zum Wirtschaftswachstum. Während der junge Marx im Kommunistischen Manifest den Produktivismus noch feierte, begriff er in seinen letzten Lebensjahren, dass eine stabile, ökologische Gesellschaft zwingend ein stationäres Wirtschaftsmodell benötigt – also eine Wirtschaft ohne permanentes Wachstum.

Der Brief an Vera Sassulitsch (1881)

Der endgültige Bruch mit dem Eurozentrismus und dem Wachstumszwang ist historisch dokumentiert. Als russische Revolutionäre Marx fragten, ob Russland zwingend seine traditionellen Dorfgemeinschaften (Mir) zerstören müsse, um Fabriken nach englischem Vorbild zu bauen, antwortete Marx in einem berühmten Brief an Vera Sassulitsch:

Seine Analysen im Kapital bezögen sich ausdrücklich nur auf die westlichen Industrieländer. Russland müsse den Kapitalismus keineswegs durchlaufen. Im Gegenteil: Die widerstandsfähigen, gemeinschaftlichen Strukturen der Dorfgemeinschaften seien der perfekte Stützpunkt für einen direkten Übergang zum Kommunismus, ohne die Zerstörungen des Marktes erleiden zu müssen.

In den Vorentwürfen zu diesem Brief feierte Marx diese Kommunalgesellschaften enthusiastisch:

„Dank der ihrem Prinzip entlehnten Wesenszüge wurden sie während des ganzen Mittelalters zum einzigen Hort der Volksfreiheit und des Volkslebens.“

Die drei Stufen des Marx'schen Denkens

Marx vollzog im Laufe seines Lebens eine faszinierende intellektuelle Evolution. Wer heute noch behauptet, Kommunismus bedeute maximales industrielles Wachstum unter staatlicher Kontrolle, hat die letzten 30 Jahre der Forschung schlicht verschlafen.

Epoche Denkweise / Epochenwerk Wirtschaftswachstum Ökologische Nachhaltigkeit
1840er – 1850er

Produktivismus


(Kommunistisches Manifest)

JA


(Technik & Expansion als Basis)

NEIN


(Kaum Fokus auf Ökologie)

1860er

Ökosozialismus


(Das Kapital Band 1)

JA


(Wachstum erst nach Systemwechsel)

JA


(Erkenntnis des Risses im Stoffwechsel)

1870er – 1880er

Degrowth-Kommunismus


(Kritik des Gothaer Programms / Späte Briefe)

NEIN


(Bewusste stationäre Wirtschaft)

JA


(Rückkehr zu modernen, stabilen Commons)

Fazit: Warum der alte Degrowth-Ansatz scheitern musste

Die traditionelle Degrowth-Debatte seit den 1970er Jahren krankt an einem fatalen Fehler: Sie kritisiert zwar das Wachstum, akzeptiert aber insgeheim die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse. Progressive Ökonomen wie Joseph Stiglitz glauben naiv, man könne den Kapitalismus durch Gesetze, Monopolverbote und Steuern zähmen und ihn in einen „progressiven Kapitalismus“ verwandeln.

Doch wie der Philosoph Slavoj Žižek treffend analysiert: Sobald man die Profitraten der Konzerne durch solche Regulierungen massiv beschneidet, droht der Kollaps des Gesamtsystems. Das Kapital reagiert sofort mit Erpressung, Aktienabstürzen und Kapitalflucht.

Dem Kapitalismus das Wachstum austreiben zu wollen, ist so, als wolle man einem Tiger das Fleischessen abgewöhnen. Wachstum ist kein Softwarefehler, den man wegregulieren kann – es ist das Betriebssystem des Kapitalismus. Deshalb führt kein Weg an einer radikalen Systemalternative vorbei. Wir müssen die technologischen Errungenschaften der Moderne nutzen, um zu einer höher entwickelten Form der kollektiven Produktion zurückzufinden. Das Ziel ist ein demokratischer, stationärer Degrowth-Kommunismus.