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Die 5 Säulen des Degrowth-Kommunismus
Wie sieht die konkrete Umgestaltung der Produktion zu einer Wirtschaft aus, die nicht mehr den Planeten zerstört? Wenn wir Marx’ Spätwerk konsequent weiterdenken, lässt sich der Übergang zum Degrowth-Kommunismus in fünf zentralen Säulen zusammenfassen:
Anstatt das abstrakte Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu steigern, rücken wir hier den tatsächlichen Nutzen für den Menschen und die Natur in den Mittelpunkt.
Tippe auf die einzelnen Säulen, um tiefere Einblicke in die jeweilige Strategie zu erhalten:
Wandel zur Gebrauchswertwirtschaft
Echte menschliche Bedürfnisse als Maßstab statt blinder Profitjagd.
Der Kapitalismus interessiert sich ausschließlich für den Wert (den Profit) und niemals für den Gebrauchswert (den tatsächlichen Nutzen) einer Ware. Hauptsache, ein Produkt verkauft sich – egal ob es minderwertig ist, absichtlich schnell kaputtgeht oder die Umwelt zerstört. Im Anthropozän ist diese Logik lebensbedrohlich. Schon in der Coronakrise fehlte es an einfachsten Dingen wie Masken und Schutzkleidung, weil deren Produktion nicht profitabel genug war.
Was passiert, wenn es bald um Trinkwasser, saubere Energie, gesunde Nahrung oder bezahlbaren Wohnraum geht? Die Priorität muss radikal vom Profit zum Gebrauchswert verschoben werden. Es darf nicht mehr um die Steigerung des abstrakten Bruttoinlandsprodukts (BIP) gehen, sondern um die direkte Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Das bedeutet auch: Wir müssen die Produktion auf das wirklich Notwendige begrenzen und die endlose Überproduktion von unnützem Konsum-Plunder stoppen.
Radikale Verkürzung der Arbeitszeit
Befreiung von der Lohnarbeit
Wenn wir aufhören, Berge von nutzlosem Plunder zu produzieren, bricht schlagartig auch ein riesiger Berg an sinnloser Arbeit weg. Branchen wie manipulatives Marketing, aggressive Werbung, aufwendige Verpackungsindustrien und all jene Mechanismen, die nur dazu da sind, künstliche Begierden in den Menschen zu wecken, könnten drastisch schrumpfen oder komplett verboten werden.
Das Ziel ist es, die Menschen aus der modernen Lohnsklaverei zu befreien. Wenn wir die gesellschaftlich notwendige Arbeit fair auf alle aufteilen, sinkt die Arbeitszeit für das Individuum drastisch. Das schafft Raum für echte Lebensqualität, Muße und gesellschaftliche Teilhabe.
Aufhebung der uniformen Arbeitsteilung
Wie wir die Kreativität, Würde und Sinnhaftigkeit in die Betriebe zurückbringen.
Warum flüchten sich so viele Menschen nach Feierabend in exzessiven Konsumismus? Weil ihre Arbeit sie tagsüber chronisch stresst, unterfordert oder sterbenslangweilig ist. Es reicht deshalb nicht, die Arbeit durch Maschinen zu verkürzen; wir müssen die Arbeit selbst in etwas Erfüllendes verwandeln.
Marx forderte die Aufhebung der extremen, uniformen Arbeitsteilung, die den Menschen zu einem bloßen Rädchen in einer monotonen Maschinerie degradiert. Arbeit darf nicht mehr nur das lästige „Mittel zum Leben“ sein, sondern sollte selbst zu einem kreativen Lebensbedürfnis werden, bei dem sich das Individuum verwirklichen kann. Wenn wir die monotone Fließband- und Excel-Logik aufbrechen, steht nicht mehr die maximale Effizienzsteigerung an oberster Stelle, sondern der menschliche Nutzen und die gegenseitige Hilfe.
Demokratisierung der Produktionsprozesse
Demokratie im Betrieb – Das Wissen als Gemeingut
Die Arbeiterinnen und Arbeiter müssen das uneingeschränkte Recht haben, demokratisch über ihre eigene Produktion zu entscheiden – eine Forderung, die, wie gesehen, auch Thomas Piketty teilt. Wenn die Belegschaft kollektiv darüber abstimmt, was, wie und in welcher Menge produziert wird, bricht das die Macht der Manager. Natürlich braucht echte Demokratie Zeit. Das führt ganz automatisch zu einer bewussten und absolut wünschenswerten Verlangsamung der Wirtschaft (Slow Economy). Die Sowjetunion hat diese demokratische Mitbestimmung im Staatskapitalismus erstickt; im westlichen Kapitalismus wird sie von den Chefetagen im Interesse weniger Großaktionäre blockiert.
Zur Demokratisierung der Arbeit gehört aber noch etwas Fundamentales: Wissen muss ein Common werden. Patente, die heute einzig und allein Pharmagiganten oder Tech-Konzernen astronomische Monopolgewinne sichern, gehören abgeschafft. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen der gesamten Menschheit frei zur Verfügung stehen.
Das gilt exakt genauso für Software. Quellcodes und Programme von Autos, Hörgeräten oder Haushaltsgeräten müssen offenliegen, damit Reparaturen, Modifikationen und Verbesserungen von jedem durchgeführt werden können.
Einblick aus der Praxis: Das Internet beweist längst, dass der Mensch kein rein egoistisches Wesen ist. Die Freie-Software-Bewegung, die 1984 von Richard M. Stallman ins Leben gerufen wurde, zeigt eindrucksvoll, wie globale Communities freiwillig und kostenlos Software entwickeln, die jeder nutzen und verbessern darf. Demgegenüber steht die gierige Preispolitik moderner Softwaregiganten wie Adobe: Sie vermieten ihre Programme nur noch über Abos. Dem Nutzer gehört überhaupt nichts mehr; er verliert beim Ende der Zahlung sofort den Zugriff auf seine eigenen Werkzeuge.
Diese verriegelten, proprietären Technologien sind nichts anderes als die künstliche Schaffung von Knappheit auf digitaler Ebene. Sie blockieren den echten technologischen Fortschritt. Offenes, frei zugängliches Wissen hingegen befeuert Innovationen. Der Degrowth-Kommunismus strebt nach offenen, ökologisch verträglichen Technologien, die das Leben der Arbeitenden erleichtern, anstatt sie zu überwachen.
Fokus auf systemrelevanter Arbeit
Der Aufstand der versorgenden Klasse
Die Automatisierung und Digitalisierung, die vom Silicon Valley oft wie ein Allheilmittel angepriesen werden, stoßen an harte, menschliche Grenzen. Es gibt einen riesigen, extrem arbeitsintensiven Sektor, der sich nicht einfach rationalisieren oder durch KI ersetzen lässt: die Pflege- und Sorgearbeit (Care-Arbeit), der Bereich der Erzieher, Lehrer und Sozialarbeiter.
Im Degrowth-Kommunismus nimmt dieser Bereich einen zentralen Stellenwert ein. Man kann die „Produktivität“ in der Altenpflege nicht einfach verdoppeln, ohne die Menschenwürde zu zerstören. Ein Pfleger braucht Zeit, Zuwendung und Empathie. Deshalb muss dieser Sektor radikal aufgewertet und von jeglichem Profitdruck befreit werden.
Ausgerechnet hier formiert sich derzeit der radikalste Widerstand gegen das System: der Aufstand der versorgenden Klasse. Weltweit lehnen sich Pflegekräfte gegen die kalte Logik des Kapitals auf. Ihre Arbeit, die sie oft mit tiefer Leidenschaft ausüben, wird durch permanente Niedriglöhne, chronischen Personalmangel und brutale Arbeitszeiten ausgebeutet. Schlimmer noch: Sie werden von einer Schicht aus Managern tyrannisiert, die nichts zum Gebrauchswert beitragen, sondern nur absurde bürokratische Kontrollregeln und Dokumentationspflichten erfinden (eine klassische Bullshit-Economy).
In Ländern wie Japan führt das zunehmend zu einer völlig neuen Kampfform: Organisierte Streiks gipfeln darin, dass geschlossene Belegschaften kollektiv ihre Kündigung einreichen. Diese Aktionen gewinnen durch die mediale Aufmerksamkeit eine enorme Welle der Solidarität in der Bevölkerung. Es ist ein globaler Protest gegen ein System, das den reinen Gebrauchswert verachtet – und ein klares Plädoyer für eine Gesellschaft der gegenseitigen Fürsorge.
Diese Solidarität ist die Keimzelle für eine echte, radikale Selbstverwaltung. Als beispielsweise 2019 in Tokio eine privat geführte Kinderkrippe pleiteging, weigerte sich das Betreuungspersonal, die Schließung zu akzeptieren. Sie warfen das Management raus und verwalteten die Krippe kurzerhand selbst. Das fachliche Know-how war schließlich komplett bei den Arbeiterinnen. Es stellte sich heraus: Die Manager waren absolut überflüssig; der Betrieb lief ohne sie reibungsloser, demokratischer und harmonischer weiter. Ein praktischer Beweis dafür, dass die arbeitende Klasse sehr wohl in der Lage ist, die Produktion und Verwaltung selbst in die Hand zu nehmen.